Es hat sich wieder einiges angesammelt, ein Blogeintrag ist auch längst überfällig, also fange ich mal an.
In letzter Zeit war es mit dem "Holiday"-Part von "Work&Holiday definitiv vorbei. Ersteinmal stand der JLPT an, der echte diesmal und außerdem war da der Job in der Schule und diverse kleine Jobs als Sprachlehrerin. Letzteres hatte ich mir selbst eingebrockt. Mein Spitzname ist nun nichtmehr "Desi" sondern "Sensei", was okay ist wenn Freunde einen spaßeshalber so nennen. Wenn es ein ~65jähriger Mann macht ist das schon wieder was anderes... aber dazu komme ich später.
Also, der echte JLPT. Sven und ich hatten das Glück den JLPT an der Tokyo Daigaku zu schreiben. Dass das ein Glück ist, wussten wir aber eigentlich gar nicht, bis wir nach den wiederholten Reaktionen der Leute die uns fragten wo wir denn schreiben immer wieder ein "Waaaaaaaaaas, eeeeeeeeeecht?" als Antwort erhielten. Die Tokyo Daigaku ist die Uni in Japan, die die schwersten Einstiegstest hat. Jeder hat sicher schon von den unmöglich hohen Anforderungen der japanischen Unis an ihre potenziellen Studenten gehört und die Tokyo Daigaku setzt dem jedes Jahr sozusagen die Spitze auf. Wenn man es als Schüler an diese Uni schafft, kann man also echt stolz auf sich sein, denn das schaffen nur die wenigsten. Die Uni mal von Innen zu sehen ist also irgendwie ein Privileg.
Nachdem unsere Erwartungen an die "Location" also durch die wiederholten "Ueeeeeeeeeeeeeeeeeeeeh, hontou????" ins Unermessliche stiegen ("Die Räume sind bestimmt total modern und der Campus generell sieht bestimmt richtig abgefahren aus") machten wir uns am Tag des JLPT auf den Weg und wurden relativ schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Also wer die Uni Düsseldorf kennt weiß, dass sie ein reinster Kackhaufen aus bloßem Beton ist. Die Tokyo Daigaku sieht ähnlich aus.
Entweder man hat uns blöde Ausländer also zu dem hässlichsten Part des Campus geschickt, nach dem Motto "Die sprayen uns eh nur die Hütte voll, schicken wir die zum stillgelegten Teil" oder die Uni hält es ganz nach dem Spruch "Die inneren Werte zählen."
Aber was solls, wir waren ja nicht zum Vergnügen da.... nein ein Vergüngen war der JLPT echt nicht.
In diverse Räume aufgeteilt musste sich jeder an den Platz mit seiner Nummer setzen. Auf dem Tisch durften nur Bleistift und Radiergummi liegen, Tasche und Jacke mussten unter den Tisch. Der Mensch der in meinem Raum das Sagen hatte, war echt unheimlich kleinkariert und streng. Pünktlich wie eine Atomuhr fing er mit seinen Erklärungen an, diesmal sehr viel anschaulicher als beim Practice Test: Er hielt eine rote und eine gelbe Karte hoch. Wer wegen kleinerer Vergehen zweimal (oder dreimal, ich habs vergessen) die gelbe Karte bekommt, bekommt daraufhin die rote Karte und muss den Raum sofort verlassen, bei größeren Vergehen gibt's sofort die rote Karte. Was ein kleines und was ein großes Vergehen war wurde uns sehr schnell bewusst, als er einem Mädchen in der ersten Reihe, die mit ihren Fingern schon am Fragebogen rumnestelte prompt die gelbe Karte vors Gesicht hielt.... Okay, es hieß also sich wirklich an das zu halten was gefordert wurde, hier wurden keine leeren Drohungen ausgeprochen.
Dann ging es los, genau wie beim Practice Test war der echte JLPT in 3 Teile unterteilt: Vokabeln/Kanji, Grammatik und zu guter Letzt Hörverstehen. Man bekam einen Frage- und einen Antwortbogen. Auf dem Antwortbogen musste man per Multiple-Choice-Verfahren einfach nur die Nummer anmalen, die man für die richtige Antwort hielt. Kinderleicht, im wahrsten Sinne des Wortes, denn ein paar Kinder nahmen auch am Test teil und die hatten dieses Prinzip verstanden. Am Ende des ersten Teils, also Vokabeln und Kanji, als die Verantwortlichen unsere Bögen einsammelten wurde die Stille plözlich von einem lauten "OH NO FUCK!" unterbrochen. Ein Typ hatte das Prinzip "Ich muss meine Antworten auf dem Antwortbogen einzeichnen" anscheinend doch nicht geschnallt und hat alles nur in den Fragebogen geschrieben. Als den Verantwortlichen also beim Einsammeln auffiel, dass sein Antwortbogen leer ist und ihm sagten "Ja, ähm, also das war es dann für Sie." wurde ihm seine Dummheit wohl erst bewusst, was er lautstark mitteilte.
Für ihn war es also gelaufen. So richtig bemitleiden konnte ich ihn ob seiner Doofheit aber nicht.
Für mich lief der erste Teil echt gut, ich hatte mit Kanji und Vokabeln keinerlei Probleme und dachte mir erst noch "Vielleicht wäre Level 3 doch besser gewesen, das ist hier ja ein Kindergeburtstag." bis Teil Zwei kam: Grammatik. Alter Falter.... das war unverhältnismässig schwer. Ich guckte mich heimlich im Raum um, ob ich in den Gesichtern der anderen Gequälten lesen konnte ob es nur mir so ging, oder ob auch sie echte Probleme mit diesen fiesen Sätzen hatten. Jedem stand der Schweiß auf der Stirn und als Cheffe auf die Sekunde genau "STIFTE HINLEGEN, ZEIT VORBEIIIIII!" brüllte, ging der Raum in lautem Stöhnen unter. Scheinbar konnte ich froh sein zu denen zu gehören, die den Teil immerhin innerhalb der Zeit geschafft haben.
Nach dieser Tortur kam also Hörverstehen, was auch wieder zu leicht war. Ich hatte keinerlei Probleme beim Hörverstehen, was mich aber auf die Palme brachte. Vokabeln/Kanji und Hörverstehen waren wirklich zu leicht, Grammatik war viel zu schwer (verglichen mit alten Tests, die man im Netz runterladen kann um sich zu testen). Der Test war richtig unbalanciert, verlangte einem hier viel zu wenig ab und da viel zu viel. Das Problem ist, dass man in jedem Teil 60% haben muss um zu bestehen. Ich habe mich also schon davon verabschiedet, bestanden zu haben. Ergebnisse gibts aber erst irgendwann im Januar, dann habe ich es Schwarz auf Weiß.
Wie auch immer, der Tag war schnell aus meinem Gedächtnis verschwunden, weil die Highschool mir genügend Ablenkung verschaffte.
Ich liebe den Job echt, es ist immer so als wäre ich im falschen Film.
Einerseits ist da diese unglaubliche japanische Strenge: Das Schultor wird zum Beispiel um Punkt 8:50 Uhr geschlossen, wer zu spät kommt muss daraufhin eine Woche lang früher antanzen und sich im Lehrerzimmer melden. Außerdem gibt es Tage, an denen die Lehrer spontan beschließen sich am Schuleingang aufzustellen, um das Aussehen der Schüler zu checken.
Genau so ein Tag war einer der ersten meiner Arbeitstage. Um 8:30 Uhr hieß es also "Kommt, wir gehen raus und checken die Schüler." Draußen stand schon ein Pult bereit wo zwei Lehrer saßen, die dafür zuständig waren die Namen der Schüler, die aus dem Raster fielen aufzuschreiben. Denn diese Schüler mussten sich am darauffolgenden Montag noch einmal vorstellen und zwar mit passendem Aussehen.
Geprüft wurden:
- "Hat der Schüler sich die Haare gefärbt?" Das ist ein kleeeein wenig unfair, denn hier wurde nach der Manier ausgesiebt "Echte Japaner haben tiefschwarzes Haar."Sprich, wenn jemand als Naturhaarfarbe auch nur einen leichten Braunton hatte den man nur sieht wenn die Sonne aufs Haar scheint, muss das glaubhaft gemacht werden. Wenn die Lehrer das nicht glauben, muss der Schüler sich die Haare tiefschwarz färben.
- "Sitzt die Krawatte richtig?" Wenn die Krawatte nicht richtig sitzt, ist es völlig normal, dass ein Lehrer den Schüler erstmal richtig anzieht. Dazu kann auch gehören, dem Schüler das Hemd richtig in die Hose zu stecken. Sehr lustig.
- "Wie hoch sitzt der Rock der Schülerinnen?" Wenn man den Hintern fast sehen konnte, zu hoch.
-"Tragen alle ihre richtigen Schuhe?" Zur Uniform gehören auch die passenden Schuhe.... nicht dass die Schuhe beim Betreten der Schule angelassen werden können, aber was solls.
- "Ist irgendwer gepierct/geschminkt?"
Ich habe mir dann die Frage erlaubt was denn ist, wenn die Eltern den Schülern einen Brief mitgeben der in etwa lautet "Hallo, ich habe meiner Tochter erlaubt, sich die Haare in einem natürlichen Braunton zu färben und sich die Ohren zu piercen. Das geht also in Ordnung."? Auch das wird nicht gestattet. Alle haben gleich auszusehen, auch wenn die Eltern irgendwas erlaubt haben, das muss rückgängig gemacht werden. Ooookay.
Da das Ganze aber eher lustig, als total streng von Statten ging, war es irgendwie in Ordnung. Die Schüler finden diese Aktion auch ganz spaßig, weil der Schuleingang zum Catwalk mutierte und jeder der rausgewunken wurde unter Applaus der anderen Schüler zum Lehrerpult ging um sich aufschreiben zu lassen.
Was deutschen Schülern auf den ersten Blick also Angstschweiß ins Gesicht treibt, ist gar nicht so schlimm.
Im totalen Gegensatz zu solchen Aktionen steht dann der alltägliche Umgang der Schüler mit den Lehrern. An meinen ersten Tagen beispielsweise durften die Schüler mir Fragen stellen. Was meine Hobbies sind, oder wie Schulen in Deutschland sind (also ganz offensichtliche Fragen, die ein Schüler einer Autoritätsperson stellen darf, ohne auf die Finger zu kriegen) waren da völlig außen vor. Ich wurde gefragt, was für Männer ich mag, ob ich einen Freund habe, wann ich Kinder kriegen will und so weiter. Als panische Seitenblicke meinerseits zu den Lehrern nichts brachten und ich sah, dass auch diese mich voller Interesse, auf eine Antwort wartend anguckten habe ich verstanden, dass sowas hier ganz normal ist. Lehrer und Schüler in Japan (oder zumindest an dieser Schule) haben ein richtig freundschaftliches Verhätnis. Dazu gehört auch, dass Lehrer und Schüler sich freundschaftlich umarmen, oder dass Lehrer wenn die Schüler es zu weit treiben vor ihnen in Tränen ausbrechen (leider musste ich das hautnah miterleben und fühlte mich wie in einer falschen Welt).
Schnell war die anfängliche Distanz verloren und ich war nicht mehr "Desi-Sensei" sondern "Desi-Chan" und habe mit Schülern zusammen posiert, während andere Lehrer Fotos von uns als Andenken machten. Verkehrte Welt...
Wie auch immer, mir gefällt der Job sehr. Denn abgesehen davon, dass das Verhätnis zu Schülern und Kollegen echt gut ist (ein Lehrer hat sich selbst Deutsch beigebracht, wer kann sowas?!) habe ich auch die Möglichkeit an den After School Activities teilzunehmen. Unglaublich was die Schulen in Japan ihren Schülern bieten. Erstmal gibt es immer nur 5 Stunden Unterricht - eine Stunde entspricht aber auch 60 Minuten - und danach heißt es Spaß haben. Das After School Angebot ist nämlich echt großartig. Mit unserem standardmäßigen langweiligen AGs in Deutschland nicht zu vergleichen. Hier gibt es: Basketball in einer richtigen Halle, Baseball auf einem richtigen Feld, Tennis auf nem richtigen Feld, Teezeremonie in einem traditionell eingerichtetem Zimmer, Hip Hop, Kendo, traditionell japanische Musik auf dem Koto und so weiter.
Für solche Aktivitäten wie Hip Hop, Teezeremonie, das Beibringen des Kotos etc. werden auch extra richtige Lehrer eingestellt.
Ich wurde dazu eingeladen an der Teezeremoniegruppe teilzunehmen und habe mir die Gelegenheit auch nicht entgehen lassen. (Möchte man als typischer Touri normalerweise an sowas teilnehmen, zahlt man richtig viel Knete.) Seitdem gehe ich also jeden Mittwoch ins Tatami-Zimmer und lerne, wie man richtig Maccha zubereitet. Und das ist alles komplizierter als man denkt... und ich kann es nicht erklären, also belassen wir es dabei.
Der Job an der Schule ist leider nur zweimal die Woche. Trotzdem wird mir kaum langweilig, da ich wie gesagt zum Sprachlehrer des Guesthouses mutiert bin. Einer Koreanerin bringe ich Englisch bei und einem Japaner Deutsch. Außerdem hat einer der Japanischlehrer von meinem Japanischkurs mich gebeten, einem seiner Freunde Englisch beizubringen. Warum nicht?
Und so wären wir beim nächsten Punkt: Mein ~65 jähriger Schüler.
Ein ganz netter, sehr höflicher und kluger Mann, der sich selbst Thailändisch beigebracht hat, so ganz nebenbei, während er noch arbeiten geht und sowieso recht ausgebucht ist. Der typische Japaner eben.
Da er ein Japaner ist, wie er im Buche steht kommt auch die Höflichkeit nicht zu kurz. Er spricht in feinstem Keigo mit mir, also das höchste Höflichkeitslevel das die japanische Sprache hergibt und was man als Ausländer, der Japanisch lernt erstmal mit "Ach, das muss ich nicht verstehen, so redet keiner mit mir." abtut (Notiz an mich: Kacke). Dazu gehört, dass er mich Sensei nennt und sich verbeugt wenn wir uns begrüßen und uns verabschieden.
Ich versuche einfach so höflich zu sein, wie es mir mit meiner eigentlich Plumpheit möglich ist und hoffe, ich komme damit durch.
Das ist ein guter Moment, um diesen Blogeintrag zu beenden.
Bald ist Weihnachten, das in Japan zwar nicht gefeiert wird, aber trotzdem ist hier alles geschmückt, als wären die Polen einmaschiert. Es leuchtet und blinkt an jeder Ecke und KFC ist schon ausgebucht.
Davon dann mehr nach Weihnachten!
Und ein paar neue Japanfakten:
13. Wer zu Silvester nach Japan kommen will, um ein großes Feuerwerk zu erleben wird enttäuscht: An Silvester wird hier nicht geknallt.
14. In den Schulen werden keine Straßenschuhe getragen, sondern Slipper/Socken
15. Schüler können nicht sitzenbleiben
16. Japanische Fenster haben keine Doppelverglasung (scheiße, ist mir gerade kalt)
17. An Weihnachten - obwohl kein japanischer Feiertag - ist es zur Tradition geworden, Chicken Wings von KFC zu essen. Deshalb ist KFC schon Wochen vor Weihnachten "ausverkauft"
18. Es ist unhöflich, sich die Nase vor Fremden zu putzen
19. Es ist okay, stundenlang die Nase hochzuziehen weil man sich die Nase nicht putzen darf
20. Beim Essen seine Stäbchen abzulegen, in dem man sie in den Reis steckt ist ein Fauxpas. Denn das erinnert an die Räucherstäbchen die in den Tempeln angezündet werden, auch bei Beerdigungen
21. Japan hat sich bis heute für seine früheren Kriegsvergehen nicht bei Korea entschuldigt. Im Gegenteil wird davon bis heute nicht wirklich in den japanischen Schulen aufgeklärt. Spricht man Koreaner darauf an, können diese sich mitunter sehr, SEHR in Rage reden (O_o)
22. Lehrer in Japan geben nur ein Unterrichtsfach
Hi Desiree, du schreibst gut und bildhaft. Ich kann mir alles vorstellen und freue mich auf den nächsten Eintrag. Mama
AntwortenLöschenHallo Desiiiii,
AntwortenLöschensehr sehr spannend deine Einträge! Scheint so, als hättest du dich total gut eingelebt? Wann kommst du denn eigentlich zurück?
Alles Liebe Anne D. :)
Hey Anne!
AntwortenLöschenWie schön, dass du mir schreibst!
Ja, mittlerweile komme ich hier gut zurecht :) ich bin im Juni wieder da, vielleicht sehen wir uns dann nach langer Zeit ja mal wieder?
Liebe Grüße